Das Kaffeehaus: Treffpunkt, Büro, erweitertes Wohnzimmer
Salzburg [ENA] Alfred Polgar meinte einmal, dass „im Kaffeehaus Leute sitzen, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Immanuel Kant dankte Gott, weil es „in der nächsten Welt keinen Kaffee geben werde.“ Für ihn „gab es nichts Schlimmeres, als auf den Kaffee zu warten, wenn er noch nicht da war.“ Der große Philosoph genoss den heißen Trank während er alleine über die Vernunft und Moral des Menschen nachdachte.
Gewiss, das Kaffeehaus dürfte eine Idee und Erfindung des Orients sein. Berühmte Beispiele einer gelebten „Kaffeehauskultur“ finden sich auch oder vor allem mitten in Europa. Nicht umsonst hat die UNESCO mit der Begründung, dass „das Kaffeehaus ein Ort ist, in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“, die Wiener Kaffeehauskultur im Jahre 2011 in das Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen. Bleibt nur noch die Frage, ob und wie man diesen gastronomischen Betrieb – oder besser – die geschmackvolle Gepflogenheit und einzigartige Lebensart adäquat zu beschreiben in der Lage ist.
Der typisch männliche Wiener Kaffeehausgeher – eine eigenartige Mischkulanz aus manierlich, künstlerisch begabt, politisch interessiert und meistens grantig – ist in seinem Stammlokal zwar nicht daheim, fühlt sich dort aber wie zu Hause. Für ihn ist das Café quasi das zweite Wohnzimmer – inklusive Arbeitsbereich und Toilette. Vorzugsweise bestellt er entweder einen Häferlkaffee oder eine Melange, einen Verlängerten, Einspänner, Kapuziner, Franziskaner, vielleicht auch einen Fiaker – Letzterer beinhaltet ein Stamperl Sliwowitz oder Rum. Sorgfältig und stirnrunzelnd liest er alle verfügbaren Gazetten, diskutiert eventuell mit einem Tischnachbarn die Neuigkeiten, nebenbei beobachtet er aufmerksam alle anderen Besucher.
Die Stammgäste spüren instinktiv, dass hier schon große politische Entscheidungen getroffen, Revolutionen ausgeheckt, ganze Romane und Symphonien geschrieben wurden – so bedeutungsschwanger und gewichtig erscheint die Atmosphäre in dem Lokal. Schon allein deshalb herrscht im Kaffeehaus eine eigentümliche Bedachtsamkeit, Würde und Diskretion. Möglicherweise (s.o.) bleiben manche Zeitgenossen im Kaffeehaus deshalb unbegleitet, um gemeinsam mit den anderen Gästen eine melancholische Einsamkeit zu zelebrieren – und um sich vielsagend anzuschweigen.
Über allen jedoch thront, nie ausgesprochen, aber für alle merklich, der Oberkellner in seiner beeindruckenden Widersprüchlichkeit: Schmähsicher und gleichzeitig missmutig, schalkhaft und trotzdem immer schlecht gelaunt, bewegt sich „Herr Leopold“ (fakultativ: Franz, Ferdinand, Johann, Josef – allesamt kaiserlich-königliche oder zumindest altehrwürdige, aristokratische Namen) stilsicher auf dem Parkett. Traditionell im schwarzen Smoking, mit gebügeltem weißem Hemd und schwarzer Fliege stellt er auch optisch eine Autorität dar, die er im Wesentlichen schon kraft seines beruflichen Standes innehat.
Auch seinem herben, leicht säuerlichen Charme scheint kein Sterblicher auszukommen – jedenfalls ducken sich nicht wenige Gäste eigentümlich, wenn sich der strenge Zeremonienmeister nähert. Idealerweise sucht sich ein richtiger Kaffeesieder als Partner einen Zuckerbäcker. Vielleicht kann er oder sie, die „Frau Chefin“, auch beides. Dann ist das Café um eine Attraktion reicher: wahre Delikatessen werden – wohlgemerkt zum Kaffee – angeboten. Als „Klassiker“ gelten Apfel- und Topfenstrudel, Buchteln, Marmorguglhupf, Malakofftorte, Sachertorte und Esterházy-Schnitte. Nebenbei erwähnt mauserte sich das „Konditorei-Café“ im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zum Inbegriff des Kaffeekränzchens, das am Nachmittag von Frauen „veranstaltet“ wurde.
In der Vergangenheit vergnügten sich – vor allem männliche Besucher – neben dem Rauchen auch an bestimmten Spielen: Ein Mann von Welt spielte Billard bzw. Karambol, Schach oder ein exklusives Kartenspiel, wie zum Beispiel Tarock. Wichtig bei diesen Aktivitäten war und ist ein kultiviertes Auftreten bzw. eine gepflegte, distinguierte, vielleicht sogar elegante Sprache. Ein Kaffeehaus ist ja schließlich keine Spielhölle oder Spelunke, sondern ein Bereich bürgerlicher Öffentlichkeit: Hier wurden Standesdünkel überwunden; alle hatten nebeneinander Platz!
Die Region Kaffa im südwestlichen Äthiopien dürfte das Ursprungsgebiet des Kaffees sein, wobei erst in der frühen Renaissance die Bohnen geröstet, gemahlen oder zerstampft und in der Folge gekocht wurden. Die jemenitische Handelsstadt Mocha wurde ein wichtiges Handelszentrum, das Osmanische Reich die erste „Heimat“ des neuartigen Getränks. Über das türkische „kahve“, das italienische „caffè“ und das französische „café“ gelangte das Wort nach Mitteleuropa.
Im 17. Jahrhundert eröffneten die ersten Kaffeehäuser in Italien, England, Frankreich, Deutschland und Österreich – und nachdem man am Hof Ludwigs XIV. das luxuriöse Getränk heiß und mit Zucker gesüßt trank, ahmte man diese schickliche Geste in den neu eröffneten Lokalen weitestgehend nach. Ein Osmane, namentlich Sultan Murad IV. (1612-1640), erließ in seiner Amtszeit ein strenges Kaffeeverbot – vor allem, weil er die Kaffeehäuser als Orte für konspirative Kräfte und politische Unruhe sah. Zu jener Zeit wurden Kaffee trinkende Männer als gefährlich für die herrschende Macht angesehen, dementsprechend wollte man oppositionelle Kräfte mit drakonischen Verboten (Hinrichtungen!) einschüchtern.
Als Seismograph soziokultureller Wandlungen steht das altehrwürdige Wiener Kaffeehaus als Zentrum für kulturellen und politischen Austausch. Ist es eine Legende oder Kaffeesud-Leserei? Möglicherweise saßen an einem Tag im Jahre 1913 Leo Trotzki, Josef Stalin, Adolf Hitler, Josip Broz Tito und Sigmund Freud gleichzeitig im Café Central in Wien. Die großen Reiche in Europa zerbröselten, das Gespenst eines Krieges ging um – und die oben genannten (noch sehr jungen) Herren saßen mitten in Wien im Kaffeehaus. Viele Fragen tun sich nun auf: Warum tranken die selbigen Herren Ende der 1930er Jahre in Wien nicht wieder gemeinsam einen Kaffee?
Vielleicht wäre uns in der Folge der Zweite Weltkrieg erspart geblieben? Warum war Kaiser Franz Josef beim ursprünglichen Stelldichein nicht dabei? Und… kann man das Kaffeehaus prinzipiell als ein Haus des Friedens bezeichnen? Und den Kaffee als ein Versöhnungsgetränk? Oder hat doch Alfred Polgar recht, der behauptete, dass „das Café [er meinte das Café Central, Anm.] eine Weltanschauung ist, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen.“ Dann tauchen die Besucher eines Cafés in einen friedfertigen Mikrokosmos ein und verschließen bewusst die Augen und Ohren vor der Unbill des äußeren Lebens.
Während echte, gute Freunde sich nicht nur privat, sondern auch im öffentlichen Raum treffen, sind ausgewiesene Kaffeehausbekanntschaften Begegnungen, die sich zufällig ereignen. Letztere gelten nicht unbedingt als ehrbare Zeitgenossen und -genossinnen, schließlich würden sie sich ja der Faulenzerei und der Spielsucht hingeben… Eine veränderte Wahrnehmung lässt sich in den letzten Jahrzehnten beobachten! Ähnlich verhält es sich in den schönen Künsten, wobei hier die Grenzen fließend zu verlaufen scheinen.
Einerseits logierten in den berühmten Wiener Cafés viele großen Geister: Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Joseph Roth, Georg Trakl, Elias Canetti, Hermann Broch, Robert Musil, Alban Berg, Franz Lehár, Oscar Straus, Otto Wagner, Adolf Loos, Karl Kraus, Peter Altenberg, Egon Friedell, Alfred Polgar, Leo Trotzki u.v.a. – hochwertige Literaten, Musiker und andere Künstler, die mit Sicherheit in den Salons der Cafés nicht nur gearbeitet haben!
Andererseits „versuchten“ sich im Dunstkreis dieser Genies wahrscheinlich auch weniger talentierte Kunstjünger im Kaffeehaus – und scheiterten. Als feuilletonistische Dampfplauderer verschrien, warteten diese ewig auf das Entdecktwerden und den großen Durchbruch… Wie eben erwähnt scheint eine reine Kaffeehausbekanntschaft nichts Ernstes, eher eine beliebige und unbeabsichtigte Erfahrung zu sein. Wer (dauernd) im Kaffeehaus sitzt, geht wohl keiner geregelten Arbeit nach, hat keine Familie und ist vielleicht schon deshalb kein seriöser Freund und Partner.
Möglicherweise lässt sich hier ein kultureller Bedeutungswandel erkennen: den Kaffeehausbesuch muss man sich – nach (!) getaner Arbeit – verdienen. Einfach so – geht gar nicht!




















































